Das Raubtier im Kopiergerät


Das Kopiergerät soll dein Freund sein? Nicht meiner! Mich haben diese teuflischen Dinger zum Feind erklärt. Nähere ich mich unserem Büro-Raubtier, verwandelt sich das permanent störende Betriebsgeräusch in das Angriffsgebrüll eines hungrigen Löwen und auch die Papierschublade schreit regelmässig danach, aufgefüllt zu werden.

 

Heute ist Taktik gefragt. Ich versuche es auf die liebevolle Tour, lege die Blätter in die Halterung, drücke sanft die Start-Taste und streichle zärtlich über die Abdeckung. Aber das blöde Ding zickt mal wieder. Mit einer fast sichtbaren Genugtuung saugt es eines meiner Blätter mit einem herzzerreissenden Knittergeräusch ein und lässt es im Labyrinth seines Innenlebens verschwinden.

 

Alle zu öffnende Klappen, zu schiebende Hebel und zu drückenden oder drehende Knöpfe bewirken nichts. Das Blatt bleibt im Bauch der Bestie verschollen. Es folgt ein Tritt in die unterste Schublade des Gerätes, begleitet von einem „du verd...“. Keine Reaktion! Mein Fuss schmerzt, die Büronachbarin schüttelt den Kopf.

 

Ich lasse den Papierfresser stehen und verdrücke mich in mein Büro. Dort greife ich zum Telefon und melde mich zum nächsten Selbsthilfe-Treffen der Kopiergeräte-Opfer an. „Welcher Idiot schleicht davon, ohne den Fehler am Kopierer zu beheben?“, höre ich meinen Büronachbarn wettern?

 

Ich strecke meinen Zeigefinger aus meiner Bürotüre, schiebe mich zaghaft hinterher und gestehe ihm mit aufgesetztem Hundeblick mein Vergehen. Er mustert mich mitleidig, zieht mit einem Griff hinter Klappe vier mein Knitterblatt hervor und überreicht es mir. „Irgendwann werde ich zurückbrüllen!“, denke ich, bedanke mich brav beim Kopiergeräte-Flüsterer und verziehe mich wieder in beim Büro.

 

Nicoletta Hermann

 

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