Geschichten aus meiner Fussball-Welt


Ein ganz normales Training


Endlich. Der öde Schultag ist vorbei! Rucksack in die Ecke und rein in die Fussballklamotten, in die Leichtigkeit des Seins, welches nur die Kickerei garantieren kann.

 

Gott sei Dank, meine Mutter ist noch nicht da. Ich hau’ mir rasch eine Pizza in den Ofen; den Rest des "schrecklich gesunden" Gemüsegratins kann mein kleiner Bruder gerne alleine essen...

 

Heute sind mal wieder die meisten meiner Kollegen beim Training dabei. Nur Andi hat erneut was Besseres vor. Dani trödelt und kommt wie gewohnt eine halbe Stunde zu spät ins Training. Pascal hat seine Fussballschuhe vergessen und hüpft nun nervös mit seinen dreckigen Schuhen von einem Bein aufs andere.

 

Thomas verkündet als erstes lauthals, dass wir am Samstag beim Spiel gegen den Tabellenzweiten auf den Star der Mannschaft verzichten müssen. Damit meint er natürlich seine Wenigkeit, wobei mindestens 15 Teamkollegen seine Meinung nicht teilen dürften. Mit einem vielsagenden Blick in die Runde schiebt er nach, dass er den im Tessin wohnenden Eltern seiner neuen Flamme einen Besuch abstatten wird.

 

Das Aufwärm-Training beginnt. Nach rund 20 Minuten beginnen die ersten zu stänkern. Franz, unser Trainer, bleibt ruhig. Er reagiert, wie er es immer tut: Er schlaucht uns unerbittlich weitere 20 Minuten mit Laufen, Stretching und den Ball- und Geschicklichkeitsübungen. Ab und zu schleicht der eine oder andere von uns davon.

 

Martin hat plötzlich den Jahrhundert-Durchfall und rennt dauernd aufs Klo (so viel wie der muss, kann man gar nicht können!). Jürg verausgabt sich angeblich dermassen, dass er wegen der wüstenähnlichen, trockenen Hallenluft immer wieder zum Wasserhahn laufen muss. Paolo beklagt sich lauthals über unglaublich starke Schmerzen in den Waden und wälzt sich gekonnt am Boden herum. Achmed entschuldigt sich eben mal für ein paar Minuten, da er was Wichtiges via Handy zu klären habe.

 

Wie aus heiterem Himmel schreit Franz irgendwas von Disziplin, Kondition und effizientem Trainingsaufbau. Was regt sich Franz auch über solche Kleinigkeiten auf?


"Na, schon wieder früher Feierabend?", stichelt die Büronachbarin wiefast jedes Mal, wenn ich zum Fussballtraining gehe. Was geht es die alte Tratschtante an, wie ich meinen Tag einteile? Schliesslich habe ich meinen Arbeitstag und meine Freizeit total im Griff!

 

Zu Hause schreit gerade der Kleine und meine Frau erzählt mir vom Zahn, der sich unten links gerade seinen Weg durch den Kieferknochen unseres Sohnes bahnt. Mit interessierter Miene höre ich ihr zu. Gleichzeitig überlege ich mir, wie ich den heutigen Trainingsaufbau gestalten soll.

 

Und dann passiert es! Sie hat mir eine Frage gestellt, die ich geistesabwesend und unbedacht mit einem „Ja“ beantworte. Das war eine Falle und ich bin munter darauf reingefallen. Mit überlegener Siegermiene stellt sie mir so ganz nebenbei ihr Ultimatum: "Entweder du reduzierst bis Ende Jahr deine sportlichen Aktivitäten oder ich melde mich am Montag Abend zum Tai Chi, am Dienstag zum Tanzkurs, am Mittwoch zum Tenniskurs und am Donnerstag zum Hausfrauen-Verteidigungskurs an!"

 

In brenzligen Situationen wie dieser ziehe ich es vor, mich sofort reuevoll zu entschuldigen und mich dann schnell zum Training zu verdrücken. Ich staune. Heute fehlt nur Andi.

 

Die 15 zukünftigen Shakiris, Ronaldos und Messis warten voller Tatendrang auf meine Anordnungen. Jede Woche versuche ich, ihnen klar zu machen, dass ein Training nicht nur aus „mätschlen" besteht. Und wie jede Woche ziehen meine talentierten Jungs eine tolle Show ab, nur um sich vor dem Ausdauertraining zu drücken. Gerade schwankt die Anzahl anwesender Jungs mal wieder zwischen fünf und sechs Jungs. Und diese quälen sich mehr schlecht als recht durch den von mir ausgeklügelten Geschicklichkeits-Parcours.

 

Ich bin die Ruhe in Person. Wirklich! Ich lasse mich nicht provozieren. Unverkennbar! Aber schliesslich hat auch Superman seine Schwachstelle. Und in diesem Augenblick stellen die Jungs mein kampferprobtes Nervensystem allzu arg auf die Probe!

 

Mit einem unüberhörbaren Schrei und ein paar taktisch gut gewählten Argumenten zwinge ich die Bande zum Höchsteinsatz. Wäre mein Engagement als Trainer nicht dermassen anerkannt und geschätzt, sähe ich mich als Trainer von Hausfrauen-Verteidigungskursen. Das soll momentan total trendy sein und meine Frau hätte bestimmt nichts dagegen einzuwenden!

 

Nicoletta Hermann - 2003/2013

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