Geschichten aus dem Alltag


30 Minuten - Part III - Delikt im Gemüserayon


Im Grunde genommen stimmt der Titel nicht ganz. Es sind 28 Minuten, 8 Sekunden und ein paar Zerquetschte … das ist mein persönlicher Marathon-Rekord im Shopping-Center.

 

Der Wocheneinkauf für eine fünfköpfige Familie, an einem Samstag, durch den strategisch geschickt gelegten Irrgarten einer MMM-Filiale ist jedes Mal eine absolute Herausforderung! Nach der sportlichen Disziplin folgt die psychische.

 

Ich steure auf Kasse drei zu. Vor mir diskutiert ein älterer Mann mit einem anderen hinter mir und spuckt dabei auf mein Bio-Gemüse. An der Kasse steht eine Frau, die für die Erziehung ihres Rotzlöffels dringend einen Dompteur zu Rate ziehen sollte.

 

Zwei Klapse der Mutter auf den Hintern ihres Kindes und dem darauf folgenden Langzeit-Schrei später bin endlich ich an der Reihe. Ich lege meinen Einkauf – ein Drittel stand immerhin auf dem Einkaufszettel – im Akkordtempo auf das Förderband und freue mich schon auf die vielen Cumulus-Punkte, die wieder auf mein Konto hüpfen.

 

Dann, aus heiterem Himmel stoppt das Band und durchbohrt mich der starre Blick der Kassiererin. „Haben sie den Broccoli nicht …?“ Das letzte Wort „gewogen“ verschwindet mit ihr in Richtung Gemüseabteilung.

 

Ich entschuldige mich bei den entnervten Schlangenstehern hinter mir. Nicht, dass ich schuld an dieser Misere wäre! Mitnichten. Meinen Gemüse-Blackout hat Nachbarin Elfriede Meier, die ich zufällig am Gemüsestand traf, auf dem Gewissen.

 

Mit ihren Geschichten über die alleinstehende Polin vom dritten Stock hat sie mich allzu sehr abgelenkt. Aber auch die Migros ist nicht ganz unschuldig. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich allein für den Gemüse-Einkauf benötige: Die besten Stücke rauspicken, diese, nachdem ich regelmässig drei dieser hauchdünnen Plastiksäcke zerreisse, in den vierten Plastiksack füllen, zur Waage gehen, frustriert wieder zurück zum Gemüse hetzen, um mir die Gemüse-Nummer zu merken und den Preiszettel auszudrucken ... eine „Neverending-Story“.

 

Wie wäre es zum Beispiel mit einer „Wiegehilfe“ beim Gemüse? Während ich entspannt mit meinem zufällig getroffenen Bekannten plaudere, macht dieser „Gemüse-Engel“ mein Grünzeug kassentauglich. Ich könnte meinen Marathon-Rekord glatt um fünfzehn Minuten verkürzen und diese Zeit im Migros Restaurant beim News-Austausch mit einer Nachbarin geniessen.

 

Eine klassische Win-win-Situation für die Migros, die Nachbarin und mich, so finde ich.

 

Nicoletta Hermann 2008 / 2016


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